Was macht eigentlich Jens Voigt?

Jeder kennt den Deutschen Radrennprofi. Mit 42 Jahren konnte er 2014 einen neuen Stundenweltrekord auf der Bahn aufstellen und nahm im selben Jahr auch zum letzten Mal an der Tour de France als Rennfahrer teil. Er beendete seine lange und ruhmreiche Karriere. Wir haben mit ihm gesprochen und wollten wissen, wie er den Tag nach seiner aktiven Karriere nun gestaltet.

RadioRadsport: Jens, an welche Momente denkst Du besonders gerne zurück, wenn Du an Deine Karriere denkst?

Jens Voigt: Es gibt sicherlich zwei drei Rennen aus meiner Jugend, auf die ich besonders stolz bin. Ich bin ja aus den Neuen Bundesländern und damals war Mecklenburg noch in drei Bezirke aufgeteilt: In Rostock, Schwerin und Neubrandenburg; ich lebte ganz im Norden in Rostock. Mein erster Wettkampf war ein Bergzeitfahren in Binz, auf der Insel Rügen. Dort ging es rauf zum bekannten Jagdschloß. Da hab ich mein erstes Rennen nach nur vier Wochen Training gleich gewonnen. Daran erinnere ich mich heute noch.

RadioRadsport: Was hat Dir nach Tiefen, wie z.B. nach Deinem schweren Sturz bei der Tour 2009 auch immer wieder Stärke gegeben?

Jens Voigt: Ich bin ein großer Anhänger der Theorie, dass Du das Schicksal selbst in den Händen hast. Ich lag nach dem Unfall im Krankenhaus und wurde ja auch an mehreren Stellen genäht und verarztet und versorgt. Abends, so gegen neun oder zehn war ich dann nach der Narkose wieder halbwegs beieinander und habe dann versucht meine Finger, Hände, Arme, Beine und Füße zu bewegen – zwar noch unter Schmerzen – aber da war mir klar, dass nichts kaputt ist, was nicht im Laufe der Zeit heilen würde oder repariert werden könnte. Klar gibt es Zufälle, die man nicht beeinflussen kann. Aber im Großen und Ganzen bin ich der Meinung, dass Du für Dein Schicksal alleine verantwortlich bist und ich wollte nicht fremd bestimmt aufhören durch einen Unfall, der mir die Entscheidung aus den Händen nimmt, wann und wie ich aufhöre. Ich wollte wieder aufstehen und sagen, ich bin ich und das ist mein Schicksal und ich will und werde weiter fahren. Am Ende des Tages werde ich sagen, jetzt ist der Zeitpunkt aufzuhören, weil der Zeitpunkt gekommen ist, wo es genug für mich ist — das habe ich dann auch so getan. Andernfalls wäre ich mir immer wie ein Feigling vorgekommen, wie jemand der weggelaufen ist.

RadioRadsport: Nun ist ja die stressige Zeit vorüber, in der Du – renn- und trainingsbedingt – mehr auf Reisen warst, als daheim. Was machst Du nun täglich mit Deiner vielen Zeit? Wie und wo lebst Du nach Deiner Karriere? Du hast doch jetzt viel mehr Zeit als je zuvor — Du bist doch jetzt im Ruhestand.

Jens Voigt: Das Wort Ruhestand gehört eigentlich nominiert; zum Unwort des Jahres, des Jahrzehnts oder Jahrhunderts! Ruhestand ist ein völlig irreführender Begriff. Es müsste eigentlich “Stressstand” oder “Mehr Arbeitsstand” heißen, aber nicht “Ruhestand”. Ruhiger geworden ist es auf keinen Fall: Die ganz normalen häußlichen Pflichten kann man jetzt mehr wahrnehmen, das ganz normale Leben hat mich jetzt sozusagen eingeholt. Die Ausreden “Nein, Papa muss seine Beine schonen” oder “Papa muss jetzt trainieren fahren” oder “Papa darf das und das nicht essen”, usw. weil ich morgen ein schweres Rennen habe, ziehen jetzt alle nicht mehr, weil ich mich jetzt nicht mehr schonen muss. Jetzt heißt es – was immer von mir verlangt wird, “jawohl Chef” und dann muss das gemacht werden. Die Kinder wollen spielen, die Kinder wollen in den Garten, die Kinder wollen auf das Trampolin oder in den Zoo. Es gibt jetzt in dem Sinne keine Entschuldigung mehr, dieses oder jenes nicht zu tun; das Leben ist auf jeden Fall deutlich stressiger geworden. Meine Frau und ich haben ja sechs Kinder und da ist das schon eine gigantische Herausforderung und wirklich viel, die Kinder groß zu kriegen.

RadioRadsport: Wo soll es für Dich zukünftig hingehen? Hast Du Nahziele oder Fernziele?

Jens Voigt: Ein Ziel das mir am Herzen liegt, ist einfach nicht dicker zu werden! 33 Jahre Radsport, davon 18 Jahre als Profi. Da war es mein Job oder meine Aufgabe nicht dicker zu werden, bzw. fit stark und gesund zu bleiben. Diese Herausforderung ist jetzt nicht mehr da oder zwingend notwendig. Trotzdem will ich ein sportlich gesundes Gewicht halten, auch wenn ich sicher nie wieder so dünn sein werde wie direkt nach der Tour, das ist ja ganz klar. Ich möchte zumindest nicht, dass ich eine Wanne kriege und das mir meine Jeanshose nach wie vor passt! Ja und ich habe jetzt verschiedene Projekte: Ich bleibe bei Trek und werde dort als Markenbotschafter, als Sportlicher Leiter und als Motivations-Coach für die jüngeren Fahrer tätig sein. Der Firma Trek werde ich helfen, Material zu entwickeln und zu testen, sei es Kleidung, Schuhe, Helme oder Rahmen. Dann schreibe ich immer noch mein Buch, welches erstmal in englisch rauskommen wird. Wir versuchen es zur Tour, bzw. zu Weihnachten 2015 in den Handel zu bekommen. Dann habe ich noch meine T-Shirt-Firma, wo wir weitere Produkte mit aufnehmen und auch im Frühjahr oder Sommer einen Satz Radklamotten, sprich Rennhose, Renntrikot herausbringen. Und irgendwann will ich noch die S-Lizenz in der Schweiz machen. Es steht also genug an!

RadioRadsport: Was sind Deine Wünsche?

Jens Voigt: Persönliche Wünsche. Naja, in den 33 Jahren Radsport, bzw. 18 Profijahren hatte ich ja genug Zeit und Möglichkeiten mir alle Wünsche zu erfüllen, im sportlichen Bereich, das war einfach eine gute lange Karriere; da ist nicht wirklich viel übrig geblieben, da bin ich eher bescheiden: Ein bisschen Glück und Gesundheit mit der Familie und das wars eigentlich schon… obwohl, ich würde gerne noch ein bisschen erfolgreicher angeln, das ist noch ein Wunsch (lacht) … ich angle gerne, aber leider nicht so erfolgreich. Ich fange mal was kleineres, aber ich würde gerne mal einen Meter-Hecht fangen! Das ist noch so ein Wunsch, den ich habe.

RadioRadsport: Danke für das nette Gespräch Jens und alles Gute!

WEITERFÜHRENDE LINKS
Jens Voigt auf Twitter: https://twitter.com/thejensie
Ergebnisse und weitere Details auf Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Jens_Voigt